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Landschaften, die keine sind?
 
Sie kennen Julia Steinbergs Bilder nicht und lassen sie sich in Worten beschreiben: Sie malt "Landschaften" - Außenräume und Innenräume. Ihre Landschaften sind nicht realistisch, aber sie haben einen Ursprung in der Realität. So geht die Serie "Nächtliche Landschaft mit Mond" aus den Jahren 1996 und 1997 auf einen Aufenthalt der Künstlerin im südlichen Italien zurück. Was abgebildet ist, hat Julia Steinberg dort auch gesehen. Das Vorbild der Bilder "Palace" existiert tatsächlich. Und die Bilder "Mayfair" geben im Titel zu erkennen, wo ihre Ursprünge liegen. Der Leser - noch ist er nicht zum Betrachter geworden - darf also erwarten, daß die Künstlerin den jeweiligen Ort eingefangen hat; sei es über seine Atmosphäre, über seine Farbigkeit oder auch seine Struktur. Die Beschreibung in Worten geht weiter: Julia Steinberg bedient sich der Enkaustik-Technik. Der Leser wird also eine leuchtende, pastose Farbigkeit erwarten. Das Wort "Landschaft" wird in seiner Vorstellung immer größere Bedeutung gewinnen. Ein Blick auf die Arbeiten wird ihn dann aber sehr überraschen.
 
Natürlich bleibt das Gesagte richtig. Aber in Julia Steinbergs Landschaften führt eben keine ungebrochene Linie vom Vorbild über die künstlerische Umsetzung zum Resultat. Der im Grunde doch gradlinige Weg von der Realität zur Abstraktion wird so nicht begangen. Auffällig sind zunächst zahlreiche Störungen, die das vielleicht harmoniesüchtige Auge des Betrachters irritieren. So mischen sich der Natur abgeschaute Formen - z. B. stilisierte Bäume - mit Landschaftselementen, die so stark abstrahiert sind, daß wir sie nur noch als geometrische Formen wahrnehmen. Auch stellt die von Julia Steinberg gewählte Bildfläche praktisch immer einen Ausschnitt dar; und zwar nicht nur einen Ausschnitt aus einer Landschaft, die jenseits der Ränder logisch weitergeht, sondern einen Ausschnitt, der Motive des Bildes bewußt beschneidet, der Dinge scheinbar ohne Sinn von den Rändern in das Bild hereinragen läßt. Durch das Bild wird die imaginierte Landschaft buchstäblich zerschnitten. Und die Schnittkanten sind deutlich sichtbar. Störend ist schließlich auch eine manchmal anzutreffende falsche Maßstäblichkeit der Dinge. So stehen Baumformen in gleicher Größe neben Pflanzenformen, die wir normalerweise mit Gräsern und Kräutern verbinden. Und - fast schon logisch - ist natürlich auch die Farbigkeit nicht auf Harmonie angelegt.
 
Julia Steinbergs Landschaften sind nicht in erster Linie Abstraktionen der Realität, sie sind deutlich erkennbare und ganz bewußte Kompositionen aus Versatzstücken, die der Realität entnommen sind.Sie sind, um ein weniger lyrisches Wort zu benutzen, zusammengesetzt. Dabei werden die einzelnen Elemente keineswegs immer in einen von der Maßstäblichkeit der Räume und Landschaften vorgegebenen Rahmen eingepaßt. Sie werden - durchaus gegen unser normales Verständnis von Perspektive, Vordergrund und Hintergrund - aufeinandergetürmt und hintereinander gelegt. Der Eindruck des Zusammengesetztseins wird durch die Dominanz von farbigen Flächen, die sich in einigen Bildern durchaus der konkreten Kunst nähern, noch verstärkt. In der Gesamtschau wird der Betrachter oft genug an Theaterkulissen erinnert. Auch sie haben, notwendigerweise, jenen Charakter des Zusammengebautseins, wie er für Julia Steinbergs Arbeiten typisch ist. Wie eine klassische Guckkastenbühne lassen ihre Bilder ausschnitthafte Blicke auf eine konstruirte Realität zu. Besonders deutlich wird das in den Reliefs, deren Einfarbigkeit es dem Auge ermöglicht, ganz besonders deutlich wahrzunehmen, wie die Künstlerin der Natur entlehnte Formen so voreinander setzt, daß die Anmutung von Landschaft noch erhalten bleibt, daß aber gleichzeitig ein Gefühl von Fremdheit entsteht.
 
Früher hat Julia Steinberg häufig in ihre Bilder hineingeschrieben. Sie hat die Farben ihrer Bilder mit Worten bezeichnet. So prangte auf einer blauen Fläche das Wort blau, auf einer grauen das Wort grau, manchmal aber auch - und wieder taucht das Element der Störung auf - auf einer gelben das Wort grau. Dieses "Beschreiben" von Bildern kann als Indiz für das verstanden werden, auf das es Julia Steinberg ankommt.
Julia Steinberg interessiert sich für Archetypen. An einer Landschaft, einem Raum oder einer Farbe ist ihr nicht nur der Gegenstand wichtig, die Realität, sie möchte ihn in seiner Urform erkennen. Deshalb analysiert sie das, was sie sieht. Sie zerlegt es, reduziert die gewonnen Einzelformen und setzt alles wieder neu zusammen. Das Ergebnis ist wieder eine menschenleere und damit für den Betrachter letztlich unmaßstäbliche Landschaft, gegebenfalls auch ein Raum oder eine andere architektonische Form. Das neue Produkt läßt sich natürlich als geschlossenes Ergebnis, als Kunstwerk verstehen. Es ist aber auch ein Labor, in dem die Einzelelemente isoliert, in einem künstlichen Zusammenhang sozusagen besser erkennbar gemacht worden sind.
 
Ein solches Verfahren mag grausam erscheinen, die Resultate sind es nicht.
 
Siegburg im März 1999

Gert Fischer