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Schöne fremde Welt
Zu den Bildern von Julia Steinberg

 
Das Beste was eine Vorbemerkung zu einem Katalog beitragen kann, ist von sich abzulenken. Die Aufmerksamkeit hat zuerst dem Bild und nicht dem Wort zu gelten. Das ökonomische Gebot, sich bei begrenzter Seitenzahl entspechend kurzzufassen, ist hier ästhetisch höchst willkommen. Auch wenn man von der Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst überzeugt ist, wird man nicht so weitgehen wollen, den Kommentar v o r das Bild zu rücken. Die Wahrnehmung, der sinnliche Eindruck, hat an der ersten Stelle zu stehen. Bevor man mit der Deutung beginnt, sollte man sich fragen, was man eigentlich sieht.
 
Also was sehen wir? Was zeigen uns Julia Steinbergs Bilder? - Lauter vertraute Dinge: Eine Tischdecke mit einer Schale Obst, Mobiliat mit Zimmerpflanzen, Mondlicht in einer Fensteröffnung und Boote an einem kühn das Bild durchkreuzenden Steg. Alles kennt man schon, auch wenn es selten so klar und leuchtend in Öl gemalt vor unserem Auge steht: Industrieanlagen und Hafengerät, einen beladenen Eisenbahnwagon, Achterbahn und Zirkuszelt oder einen Strandausschnitt mit steif in den Wind gestreckten Fahnen. Sogar die Schatten der Dinge sind noch gründlich auf den Sand gemalt. Jedes Bild ein Ausschnitt der Welt in der wir heute leben; bunt und deutlich abgegrenzt, zum Greifen nahe, zeigen sie von Menschen gemachte oder aufgestellt Dinge. In freundlichen, farbigen Szenen bringen sie uns den industriell geprägten Alltag näher, einschließlich seiner Ränder, an denen wir von ihm Erholung suchen.
 
Doch ist die hier gezeigte Welt wirklich so vertraut? Sind die Dächer über der CEAG oder der Sattelgang über der Manege wirklich zugänglich? Ist nicht alles durch eine leichte Neigung der Horizontalen, eine kaum merkliche Weitung der Perspektive oder die starke, geometrische Kontur der aus sich selbst leuchtenden Gegenstände, ist nicht alles - aus der gewohnten Position gerückt? Mit subtilen Mitteln, so scheint mir, ist die alltägliche Sicht verfremdet. Die Lebensweltlichkeit ist vorgetäuscht. Die Beziehungen sind fragil, die Dinge isoliert. Sie k ö n n t e n zusammenpassen; aber noch sind sie, trotz aller Farbigkeit und Dichte, leer wie das "Zugabteil". Auf den Menschen wird hier erst noch gewartet. Vorerst steht er nur v o r dem Bild - als Betrachter in leicht überhöhter Position, und blickt auf eine nur scheinbar vertraute, in Wahrheit fremde Welt. Daß sie dennoch schön sein kann, dafür geben die Bilder von Julia Steinberg ein Beispiel.
 
Die Oszillation zwischen Intimität und Distanzierung, das Nebeneinander von alltäglicher Vertrautheit und metaphysischer Entfremdung, ist typisch auch für die formale Komposition der Bilder. Sie changieren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Sieht man die kräftigen Kohlezeichnungen, die mit sicherem Strich Umrisse und Schatten bannen, Farben aber nur durch Wörter benennen, dann sind die Farben zu Hilfsmitteln der Formgebung degradiert. So scheint es auch bei den großen Ölbildern zu sein; beim "Sand im Hafen" erkennt man ja die Adjektieve "gelb", "weiß", "blau" usw. in den entsprechend ausgemalten Flächen. Doch mögen die Bilder auch durch Benennung und Ausfüllung entstanden sein: So wie sie nunmehr wirken, sind die Farben zum Träger des Ausdrucks geworden. Die Farbadjektive sind Zitate aus einer im Malen überwundenen Phase; das Bild überbietet das Wort. Aus der zunächst nur nachträglichen Ergänzung wird die Substanz, die so eindringlich wirkt, daß sie der eingezeicheten Form gar nicht mehr bedarf. Die mathematisch klaren Umrisse begrenzen nur noch den Überschuss an Farbe und Licht. Die Farbigkeit dominiert so stark, daß sie des gegenständlichen Arrangements nicht mehr bedarf: Eine kleine Verschiebung der Farbflächen gegeneinander und schon wäre die Gegenständlichkeit aufgehoben, ohne daß der starke sinnliche Eindruck sich verlöre. So bewegen sich die Bilder an der Grenze zur Abstraktion. Sie haben sowohl die reine Gegenständlichkeit wie auch die Abstraktion hinter sich. Was sie darbieten, ist nur eine Möglichkeit im Zuammenspiel der Farben und Formen.
 
Ob die sich zufällig einspielende Möglichkeit vertraut oder fremd erscheint, hat sich immer erst zu zeigen. Schön, im besten Sinne des Wortes, erscheint die Möglichkeit auf diesen Bildern allemal. "Das Schöne", so heißt es bei Kant, "zeigt an, daß der Mensch in die Welt passe." Julia Steinbergs Bilder sind nicht darauf angelegt diesen Satz zu bestätigen. Sie illustrieren überhaupt keine These. Sie sollen weder provozieren, noch können sie einfach zerstreuen; sie sind weder naiv realistisch noch sentimental illusionistisch; sie sind an kein formales Programm gebunden und erliegen zum Glück nicht der Versuchung, im Zeichen irgendeiner Utopie Harmonie in Aussicht zu stellen. Und doch bestätigt sich auch in Ihnen die Einsicht Kants. So zwieschlächtig, vertraut und fremd zugleich, die Welt auch immer sein mag: Wenn sie uns trotz allem schön erscheint, dann passen wir auch hinein.
 
Volker Gerhardt, 1985