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Spaziergang im Bilde - ein Vademecum
 
Julia Steinberg gehört zu den Künstlern, deren Arbeit sich durch ein bedächtiges Voranschreiten im Werkverlauf charakterisieren läßt. Auf die frühen Sujets in der Malerei von Julia Steinberg, wie die Gewächshäuser und die damit in enger thematischer Berührung stehenden Seerosenbilder, ergänzt durch die Werkgruppe der Stadtansichten und durch architektonische Interieureinblicke, sind es nun Motive, die unter Werkreihen wie "Wüstenlandschaft", "Nächtliche Landschaft mit Mond" oder "Mayfair" firmieren. Die Veränderung im Finden ihrer Themen geht Hand in Hand mit einer behutsamen und doch unverkennbaren Veränderung in der Bildsprache der Künstlerin. Waren die frühen Formulierungen von ihr noch von einer weichen, das malerische Moment betonenden Mentalität, so sind die neueren Arbeiten in der Bildauffassung von einer stilisierenden Tendenz. Der Weg führt zu einer formalen Reduktion der vegetabilischen Elemente und der verwendeten Landschaftstopoi hin zu kubischen Formen, skulptural anmutenden Gegenüberstellungen polymorpher Einheiten, die in ihrer gesehenen Addition dann eine Landschaft ergeben. Es sind vor allem die nächtlichen Landschaften, die von dieser Bildsprache geprägt sind. Eigendlich sind es farbige Nachtstücke: Nocturnes im fahlen Licht der mondhellen Nacht, die die Binnenfarbigkeit von Bäumen, Büschen und Hügeln geradezu verschluckt, um sie dann als scharf von oben beschienene Körper um so klarer in Erscheinung treten zu lassen. Die Landschaft wird zu einer aus Versatzstücken bestehenden, bühnenartig erscheinenden Ansammlung unwirklich wirklich wirkender Körper, die viel Spielraum lassen für Phantasie und Imagination.
Vielleicht liegt in diesem Erleben der nächtlichen Szenerien der Schlüssel für die fortschreitende Abstraktion in den Kompositionen von Julia Steinberg, die sich in einer Reduktion von gegenständlichen Volumen zugunsten einer Betonung der Dreidimensionalität des Farbraums vollzieht. Die drei Grundfarben - Gelb, Rot und Blau - sowie komplementäre Kontraste bestimmen die farbige Erscheinung ihrer Kompositionen. Julia Steinberg liebt kräftige Farben, leuchtendes Pigment. Es ist dies auch das Resultat ihrer technischen Vorgehensweise. Neben der klassischen Ölfarbe, die die Künstlerin auch bei ihren Papierarbeiten verwendet, steht die Enkaustik als eine der bevorzugten Techniken. Das in heißen Wachs gebundene, reine Pigment entfaltet nach dem Abkühlen seine ganze Leutkraft und gibt den Bildern durch die Oberflächenbeschaffenheit des verstrichenen Wachses eine ganz andere Anmutung als die einer Ölfarbenmalerei. Die Enkaustik glänzt nicht, ist immer ein wenig stumpf und doch von hoher Farbintensität.
 
Julia Steinbergs Bildfindungen pendeln zwischen Erzählung des Gegestandes und einer klärenden, auf das bildnotwendige sich reduzierenden Abstraktion, die als eine Verdichtung begriffen werden muss. Aus dieser Perspektive sind denn auch ihre monochromen Reliefs, die auf den ersten Blick eine konträre, scheinbar antithetische Position zu ihrem malerischen Werk einnehmen, Teil eines künstlerischen Gesamtwerkes, das die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Erkundung der Unendlichkeit des Bildraumes zu nutzen sucht. Die Erweiterung des gemalten Bildes in die dritte Dimension unter gleichzeitigem Verzicht auf eine wie auch immer geartete lokale Farbigkeit, einem Transfer des Erzählerischen in die reine Form der körperlichen Anschauung, ist eine der seltenen Formen der Malerplastik im zeitgenössischen Kunstschaffen. Das Plastische ist nicht Fortsetzung für eine dreidimensionelle Malerei mir anderen Mitteln, sondern kongeniale Fortführung gestalterischer Erkenntnisse, die so im Bilde mit malerischen Mitteln alleine nicht mehr zu bewältigen sind. Das monochrome Gefüge, die Verschneidung und räumliche Staffelung der Flächen in ihren Reliefs geben letztlich erst im Schattenwurf des auffallenden Lichts ihr eigentliches Thema preis.
Es sind eng gewählte Bildausschnitte, sind Blicke auf Haus- und Dachszenerien, die in die Tiefe des Raumes sich staffelnd, den Eindruck einer urbanen Situation vermitteln. Je nach Lichtstärke und Lichteinfallswinkel wirken die Reliefs flach bzw. läßt der Schattenwurf die Kanten der kubischen Formationen klar und scharf hervortretten. Die im Relief versetzten monochromen Flächen wirken als Dunkelstufen eines Farbtons. Julia Steinberg malt in ihren Reliefs mit Licht und Schatten, inszeniert auf kleinstem Raum ebenso temporäre wie in ihrer Intensität zufällige Farbsituationen, die unserem Auge Raum suggerieren.
 
Julia Steinbergs Arbeiten sind Farbräume und Farbklänge. Ihre Kompositionen strahlen die Harmonie einer in sich selbst ruhenden Malerei aus. Der Faszination der Bewegung, die allenthalben unsere Gegenwart im Sinne von höher, schneller und weiter beherrscht, setzt die Künstlerin das Moment der Statik und Stille entgegen. Kontemplation versus Expression. Ihre Bilder sind kein künstlerischer Gegenentwurf zur Welt, sondern eine Welt für sich selbst, die dazu einlädt, das Auge in aller Lautlosigkeit wandern zu lassen.
 
Friedrich W. Kasten, 1999