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Zwischen-Welten
Bilder von Julia Steinberg

 
Julia Steinberg malt farbenfrohe Bilder. Ihre bevorzugten Sujets sind botanische Gewächshäuser, Teiche in denen Seerosen schwimmen, Architektureinblicke mit Sicht in die Tiefe des Raumes oder Swimmingpools, von einem außergewöhnlich tiefliegenden Augenpunkt aus gesehen. Stets sind ihre Bilder menschenleer. Als wären die Besucher des Gartens gerade eben gegangen, die Badenden noch in ihren Kabinen. Die Abwesenheit des Menschen läßt ihre Landschaftsbilder und Interieurs denn eher auch wie Silleben erscheinen.Statisch und unbewegt, wie herausgelöst aus der Zeit, scheinen die Bildfindungen. Ihre Motive sind inszeniert und arrangiert, geordnet und auf optische Wirkung ausgerichtet. Der Blick, dem der Betrachter folgt, ist ein gelenkter. Ein feines Gleichgewicht von oben und unten, von Bildvordergrund und Hintergrund. Es ist, als schwebe man mit den Blicken einfach dazwischen. Auch kein störender Lärm, keine flüchtige Bewegung, die mit den Mitteln der Malerei zu bannen wäre, ist in ihren Bildern auszumachen. Poetik und komplentatives Insichgekehrtsein sind die einzigen Begleiter, die sich dem Betrachter der Arbeiten anschließen. Es entstehen Bildräume von einer eigenartigen Gestimmtheit, die neben den Sujets ganz entscheident von der Farbigkeit ihrer Arbeiten geprägt ist. Atmosphäre und Stimmungen teilen sich über die Farbe mit. Ein den Raum erweiterndes Blau finden wir ebenso häufig wie das höchst aktive, quasi auf den Betrachter zuspringende Gelbrot. Spielarten des Grün beruhigen dann wieder die Szenerie. Julia Steinbergs Bilder sind von einer hohen "Farbaktivität", die das Betrachten ihrer Bilder zu einem Wahrnehmungserlebnis werden lassen.
 
Die Wirklichkeitsausschnitte in Julia Steinbergs Arbeiten sind auffallend oft auf schmalem Format untergebracht. Schlanke Hochkant- und auffallend friesartige Längsformate vermitteln den Eindruck, als schaue man eher zufällig in die unverstellte Tiefe eines sich wie zufällig öffnenden Raumes. Raumschichtungen, in denen Oben und Unten sich verwischen und zu scheinbaren Schwebezuständen führen, prägen eine ganze Reihe von ihren Bildern. Die Perspektive die wir vorfinden, ist nicht unbedingt linearer Natur, der sich auftuende Raum ist nur scheinbar ein einheitliches Kontinuum. Schatten fallen von irgendwo her ein und ziehen ihre abstrakten Muster über das Bild. Die spiegelnde Wasserfläche des Teiches ist in ihrer liquiden Transparenz dann ganz physisch-materiell die Schwimmfläche für die Blätter und Blüten der Seerosen - aber auch immaterielle Ebene der Spiegelung von Architekturteilen und Blättern umherstehender Pflanzen. Die Ebenen der Realität verweben sich ineinander. Vor- und Rücksprünge entstehen, und es entwickelt sich eine Art von Raumanwesenheit, ohne daß es je gelingen wird, den eigendlichen Licht- und Schattenquellen, die zu diesem Eindruck führen, gewahr zu werden. Neben den erzählerischen Elementen ist Raum in den Bildfindungen von Julia Steinberg stets auch eine Schichtung aus Farbflächen- und Feldern. Es entstehen vielfältige grafischen Strukturen, die es zu erkunden gilt. Reale Raumschilderung, farbräumliche Ortsbestimmung und Formmöglichkeiten bilden einen Dialog. Die Wasserflächen in ihren Pool- und Seerosenbildern spiegeln ausserbildliche Raumsituationen, holen irritierende Elemente ins Bild und verdoppeln die Bildealität. Wir erfahren eine Ausdehnung unseres Blickes in einen zweckfreien Raum, der nur der Malerei gehört.
 
Ihre Bilder sind aber auch Methaphern, die sich der traditionellen Vorstellung des Gartens als Symbol für die Seele oder der des Sees als gleichnishaftes Bild für das weibliche Prinzip nicht entziehen können. Auch wenn die bildliche Erklärung keineswegs sofort zu der Einsicht mataphorischer Anlehnungen führt, ihre Gegenwart ist nicht zu übersehen.Sie verstärken die Ebene der Einbildungskraft und verleihen den Arbeiten von Julia Steinberg auch eine Art von emotionaler Präsenz, die über den Schilderungscharakter hrer Bildfindungen hinausgeht. Die Kraft des Sujets, ob in seiner banalen Alltäglichkeit oder in seiner überhöhten Metaphorik betrachtet, läßt Spielraum für Poetisches, Gewichtsloses oder Irrationales.
 
Es gibt Arbeiten in ihrem Werk, da sind die jeweiligen Angaben zu den einzelnen Farben, wie sie sie in ihren Zeichnungen und Skizzen als Erinnerungsstütze verwendet, als Schriftzüge mit in die Bilder eingegangen. Die skripturalen Elemente konterkarieren das betrachtende Auge, die gemalte Realität für die Wiklichkeit zu nehmen. Das Wort wird zum Bestandteil des Bildes. Schreiben und Malen, Wort und Bild, Begriff und Wahrnehmung werden Teil eines gestalterischen Prozesses. Dabei geht das Wort von einem nur lesbaren in ein rein wahrnehmbares Phänomen über. Wort und Farbe sind gleichgestzt. Die Gesetzmäßigkeiten einer mimetisch in die Fläche der Leinwand transportierten Dingwelt werden durch die Logik des Wortes ergänzt und in eine neue Betrachtungssituation transportiert. Das im Bild dargestellt Sujet erhält eine neue Identität. Es ist dies ein konzeptuelles Vorgehen, das typisch ist für die Arbeitsweise von Julia Steinberg.
 
Konzeptuelle Momente sind auch den monochromen, meist in weißer Farbe gehaltenen Schilderungen von Raumsituationen in ihren Reliefbildern zueigen. Die Reliefbilder von Julia Steinberg sind malerische Kompositionen, gestaltet mit den Mitteln plastischer Schilderung. Gleich der Farbe in der Malerei, wird im Relief der Umfang faktisch durch Flächen ersetzt, das Bild in eine neue Formmöglichkeit transportiert, die nun ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen hat. Dadurch daß Julia Steinberg traditionellerweise an Lokalfarbigkeit gebundene Sujets wie architektonische Innenansichten mit Türen und Fenstern, mit Treppen und Emporen nun als Relief interpretiert, werden die Gegenstände auf ihren tatsächlich vorhandenen Volumenanteil im Bild hin befragt und, als wolle sie die Klarheit noch steigern, auch noch von jeglicher Farbe befreit. Julia Steinberg setzt die räumlich gestaffelten Reliefschichten der räumlichen Wirkung der der farbigen Flächen gleich. Zurück bleiben vor- und zurückspringende Kompartimente, die zudem in der gewählten Ausschnitthaftikeit das vorgegebene Motiv nochmals nachhaltig abstrahieren. Es entsteht eine Art von Skulpto-Malerei, die in der Oberflächenbehandlung eine nicht zu übersehende Tendenz zur absoluten Malerei in sich trägt. Die dramatische Geste ist nicht das gestalterische Ziel, vielmehr erkennt man den Wunsch, bereits im malerischen Prozess errungene Positionen der Konzentration auf das Wesentliche noch stärker zu binden, ohne die Schwelle zur Gegenstandslosigkeit dabei überschreiten zu müssen. Die Reliefs werden zum Ausdruck des Dialogs zwischen der fiktiven, mit den Möglichkeiten der Farbe gebildeten Räumlichkeit - sie sind aber auch ein dialektischer Exkurs innerhalb der eigenen gestalterischen Möglichkeiten jenseits von Farbe.
 
Julia Steinberg arbeitet ihre Bilder und Reliefs in Enkaustik. Das Pigment wird in flüssigem Wachs gebunden und heiß auf die Leinwand aufgetragen. Die Enkaustik bietet die Möglichkeit des lasierenden wie des pastosen Auftrags. Wie bei keiner anderen Maltechnik ist hier eine individuelle Oberflächenbehandlung möglich. Es ist e ine Malerei voller Leuchtkraft und Tiefenwirkung, die bereits vor 4000 Jahren die Ägypter zu nutzen wußten. Auch die Griechen der Antike gaben ihren marmornen Skulpturen und Tempeln farbige Fassungen in Enkaustik. Vom Mittelalter an war es dann die Eitempera und die Öl(harz)malerei, denen die Künstler den Vorzug gaben. Heute, im Zeichen von Acryl und anderen neueren Malmaterialien, findet man die Enkaustik, die als reines Naturprodukt auch von großer materieller Dauerhaftigkeit ist, nur noch sehr selten in der praktischen Anwendung. Versuchen von Künstlern des 19. Jahrhunderts, wie Böcklin oder Schnorr von Caraolsfeld der Enkaustik zu einem neuen Stellenwert in der künstlerischen Praxis zu verhelfen suchten, blieben Episode. Julia Steinberg hat diese Technik für sich wiederentdeckt. Die große Leuchtkraft der Farben und der sich von herkömmlichen Leinwandbehandlungen eigenartig absetzende Oberflächencharakter ihrer Malerei mit der so ganz eigenen Haptik geben ihren Bildern eine neue, andere Qualität. Es ist, als ob man die Farben greifen könnte, so intensiv sind sie in ihrer Anwesenheit und Wesensform.
 
Friedrich.W.Kasten, 1994